Die Karten auf den Tisch – haben alle gewonnen?

Mit dieser Anspielung von Cornelie Picht auf den Sinn des Wortes „Showdown“ will ich mein Resümee zum OpenCourse Workplace Learning einleiten. Die Frage ist für mich allerdings rein rhetorisch – denn wer bei einem MOOC nicht profitiert, muss ein unverbesserlicher Skeptiker sein.

Für nicht so regelmäßige Leser noch einmal kurz das Setting: ein Offlineseminar aus dem Fachbereich Angewandte Kognitionspsychologie und Medienpsychologie der Universität Tübingen wurde über einen Kursblog mit freiwilligen Online-Teilnehmern verbunden. Sechs Themeneinheiten strukturierten das Semester, Offline-Inhalte wurden ins Web getragen, die Verbindung zwischen Onlinern und Offlinern durch „web-feste“ freiwillige Paten aus verschiedenen Professionen betreut.

Der Veranstalter Johannes Moskaliuk wünscht sich eine Auswertung und Weiterentwicklung und hat mit folgenden Leitfragen zu einem „Showdown“ in Form einer Blogparade aufgerufen. Also lege ich mal meine Karten auf den Tisch.

  • Wie verändern offene Bildungsangebote formales Lernen an Hochschulen und anderen Bildungsinstitutionen?

Soweit ich das beurteilen kann, gibt es grundsätzlich zwei Varianten. Erstens, die Institution ist experimentierfreudig und trägt offene Bildungsangebote mit großer Lust an die Öffentlichkeit. Zweitens, die Institution ist eher schwerfällig und hält an „bewährten“ Schemata fest – dann braucht es den Mut von Einzelnen, offene Bildungsangebote auch schon mal gegen Widerstände und Unverständnis durchzusetzen. Auf jeden Fall gehört diesen neuen Formen des Lernens und Lehrens die Zukunft – denn sie beachten vom Konzept her den lernenden Menschen als Individuum mit ganz persönlichen Lernprioritäten und eigenem Lernverhalten.

  • Sind offene Bildungsangebote die Lösung für die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis?

Eher nicht, beziehungsweise nicht ausschließlich. Allerdings stoßen sie die Tür zu einem besseren Verständnis der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis auf. Wie eine Studentin auf diese Frage antwortete: die Praktika, die wir während des Studiums machen, bieten den Einblick in das kommende Berufsleben. In Erinnerung an meine eigene Studienzeit würde ich dies unterstreichen: die Universität ist eine Art Schonraum, ein Experimentierfeld und ein riesiger Wissenspool, aber eben einer, der auf der Säule „Theorie“ steht.

Andere Bildungsinstitutionen haben allerdings bessere Möglichkeiten, mithilfe von offenen Angeboten Konzepte zu entwickeln und zu erproben, die eine Verbindung von Theorie und Praxis gewährleisten. Dies geht aber nur, wenn ein Verständnis für menschliche Lernprozesse und eine gewisse Unabhänigkeit in finanzieller Hinsicht vorhanden sind.

  • Wie kann die Teilnahme an offenen Bildungsangeboten zertifiziert werden? Muss sie das überhaupt?

Eine Art Bescheinigung, in der zumindest die Inhalte und die Tätigkeiten dokumentiert sind, ist ratsam. Allerdings wird sich aus meiner Sicht langfristig der „aktive Lebenslauf“ durchsetzen. Darunter verstehe ich das Portfolio an Tätigkeiten, die sich in irgendeiner Form als verinnerlichtes Wissen bei einem Menschen zeigen: also sein Methodenrepertoire, seine Handlungsweisen und seine Lösungsstrategien. Emotionale Intelligenz, Authentizität und persönliche Integrität spielen für die Lösung gesellschaftlicher Probleme eine immer größere Rolle. Dafür müsste sich aber gesamtgesellschaftlich eine andere Wertigkeit für das praktische Erfahrungswissen und die Lebenshaltungen von Menschen entwickeln.

  • Wer finanziert offene Bildungsangebote?

Ha! Jeder, der will und kann. Oder? Hierzu gab es schon schöne Ideen. Zum Beispiel von @edyssee, die sich erfreut über die Verwendung „ihrer“ Steuergelder äußerte und somit staatliche Instituionen in die Pflicht nimmt. Oder von Volkmar Langer, der Micropayment genauso für möglich hält wie die Selbstzahlung – beides setzt voraus, dass der Wert von offenen Bildungsangeboten freiwillig und gerne anerkannt wird. Der Hinweis auf die Personalkosten ist sehr berechtigt – im Übrigen beim #ocwl11 gut gelöst insofern, dass die Paten dem Veranstalter eine ausgezeichnete Entlastung in der Betreuung des Kurses boten. Letztlich kann die Finanzierung immer eine Kombination aus all diesen Vorschlägen sein – auf diese Weise würden sich alle als verantwortlich und wertschätzend betrachten und verhalten.

  • Was fehlt Ihnen beim #ocwl11?

Mir persönlich fehlte vor allem ein stringenterer Zusammenhalt im gesamten Verlauf. Natürlich konnte ich dies weder erwarten noch wäre es zu leisten gewesen. Dennoch habe ich mich teilweise ausgeklinkt. Zum einen, weil ich mich nicht verpflichtet genug fühlte, außer einem Blogbeitrag oder ein bisschen Twittern konzentriert bei der Sache zu bleiben. Zum anderen, weil mir einige Diskussionen zu flach, andere zu fremd-fachlich waren – also nicht genügend mit meinem Arbeitsalltag zu tun hatten.

Ein Dilemma, mit dem sich wohl jedeR TeilnehmerIn an einem Open Course immer wieder auseinander setzen muss. Durch die Freiwilligkeit, die ich als Onliner mitbringe, obliegt es nur mir, mich verpflichtet zu fühlen, etwas zu lernen oder etwas beizutragen. Das reale Leben fordert außerdem seinen (zeitlichen) Tribut und die Themen können gar nicht durchgängig mein Interesse treffen. Hier sehe ich den Einzelnen in einer großen Eigenverantwortung.

  • Was würden Sie besser machen, wenn Sie der Gastgeber des #ocwl11 wären?

Die Medienkompetenz der Studierenden wurde oft thematisiert. Sicher ist ein einzelner Kurs mit einer Handvoll TeilnehmerInnen nicht repräsentativ für die zu erwartende „Mindestkompetenz“ im Umgang mit den Neuen Medien. Dennoch sollte man künftig bereits am Anfang eine intensive Phase für das Erlernen einiger Tools mit einplanen. Alle meine bisherigen Erfahrungen mit Online-Lernen bringen mich zu dem Schluss, dass der Zugang zur Benutzung der Plattformen so niedrigschwellig wie möglich sein muss. Ängste und Unsicherheit sind nicht nur bei Studierenden stark ausgeprägt – den Gastgebern und Moderatoren von offenen Bildungsangeboten obliegt es, diese Hemmschwellen so klein wie möglich zu halten und so früh wie möglich abzubauen.

 

Letztlich…

kann ich vor dem Engagement und dem Mut von Johannes Moskaliuk nur meinen Hut ziehen. In Deutschland herrscht leider eine Unkultur des Kritisierens. Es ist ja immer leichter, andere(s) schlecht zu machen als selbst Vorschläge zu machen, mit denen man dann weiter arbeiten kann. Beim #ocwl11 schien mir das Gottseidank nicht der Fall zu sein – scharfe Diskussionen und eine lebendige Streitkultur zeigten lediglich auf, dass manche Dinge unbedingt besprochen werden müssen. Andere können weiterhin ausprobiert werden, aus der Erfahrung entwickeln sich dann Schritt für Schritt immer praktikablere Versionen eines jungen Konzeptes.

Danke, weiter so, ich bin immer wieder dabei.

 

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